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„Eine feste Burg ist unser Gott“: Dem Anlass angemessen spielt die siebenköpfige George-Maurer-Band am Morgen des 15. Juni 1904 an Bord des Schaufelraddampfers „General Slocum“ auf dem East River ein festliches und beliebtes Kirchenlied. Das Schiff soll mehr als 1.300 Gemeindemitglieder der evangelisch-lutherischen St.-Markus-Kirche in New York City zu ihrem jährlichen Picknick am Long Island Sound bringen. Die meisten Passagiere sind Frauen und Kinder, fast alle stammen aus Deutschland.

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Doch die Schifffahrt wird zum Inferno: Kurze Zeit später sind mehr als 1.000 Menschen tot – verbrannt oder ertrunken. Darunter auch die Ehefrau von John Ell aus Renchen im heutigen Ortenaukreis, der seit 20 Jahren in den USA lebt. Sein Sohn Paul wird an diesem Tag zum Helden – ein langes Leben ist ihm aber nicht vergönnt.

Am 15. Juni vor 115 Jahren betritt Mathilde Ell zusammen mit ihren drei Söhnen die „General Slocum“. Viele Väter sind nicht an Bord. Es ist Mittwoch, sie müssen arbeiten. Auch John Ell fährt nicht mit.

Der zu diesem Zeitpunkt 37-Jährige wurde am 25. Dezember 1866 in Renchen geboren. Wegen der großen Armut in der Region wanderte er 1884 in die USA aus und heiratete fünf Jahre später Mathilde Schirmer. Das Paar bekommt drei Kinder: John (geboren 1890), Paul (1892) und William (1895). Die Familie lebt in „Kleindeutschland“, auch „Little Germany“ genannt, in New Yorks Lower East Side.

Insgesamt wanderten im 19. Jahrhundert über 2.000 Einwohner aus Renchen und Deutschland aus – die meisten wegen der Armut. Diese hatte viele Ursachen. Eine davon ist der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien 1815, der 1816 zum sogenannten Jahr ohne Sommer in Westeuropa führte. „Der Ausbruch hatte auch hier in Renchen dramatische Auswirkungen auf die Ernte, aber auch auf den Viehbestand, weil es wegen des schlechten Wetters kein Futter mehr gab“, erzählt Stefan Gutenkunst, Fachbereichsleiter bei der Stadt Renchen.
Auch die örtliche Wirtschaft stand enorm unter Druck. „Hanf war in Renchen der wesentliche Wirtschaftsfaktor. Viele Familien waren direkt oder indirekt vom Anbau, der Weiterverarbeitung – etwa in Spinnereien oder Seilereien – und dem Handel abhängig. Dieser Wirtschaftszweig starb innerhalb kürzester Zeit nahezu aus“, erläutert Gutenkunst. Gründe dafür waren die Dampfschifffahrt und die Baumwolle. Denn Hanf wurde zur damaligen Zeit vor allem für Kleidung und in der Segeltuchindustrie verwendet.
Zudem gab es bereits 1811 Pläne, die Rench zu begradigen. In Renchen wurden diese nicht verwirklicht. „Deswegen stand Renchen immer wieder unter Wasser und war zu Beginn der Industrialisierung für Firmen nicht attraktiv“, sagt Gutenkunst. Erst 1954 wurde der Renchflutkanal mit einem Bauwerk oberhalb der Stadt fertig gestellt.

Auf dem Schiff duftet es nach Würstchen und Sauerkraut. Der Pfarrer der Gemeinde, George Haas, ist froh darüber, die „General Slocum“ gechartert zu haben, gilt sie doch als eines der besten Schiffe in der Gegend. Doch bereits kurz nachdem der Raddampfer abgelegt hat, entdeckt die Crew ein Feuer in einem Laderaum unter dem Hauptdeck. Die Ursache ist vermutlich ein achtlos weggeworfenes Streichholz.

Die Besatzung will den Brand löschen. Doch der Löschschlauch, der nicht gewartet wurde, platzt. Wenige Minuten nach der Entdeckung des Feuers wird Kapitän William Van Schaick informiert. Er überlegt, das Schiff an eines der nahegelegenen Ufer des East River zu steuern. Wohl aus Angst vor Felsen entscheidet er sich jedoch für eine Fahrt unter Volldampf zur Insel North Brother, über zwei Kilometer entfernt. Der Fahrtwind der „General Slocum“ facht das Feuer jedoch an.

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An Bord bricht Panik aus. Augenzeugen berichten, dass Frauen in brennenden Röcken umherlaufen. In dem Buch „Loderndes Schiff. Die Tragödie des Dampfers General Slocum“ des Historikers Edward T. O’Donnell erzählt der 13-jährige John Ell, wie er inmitten des Chaos von seiner Mutter getrennt wird, deren Kleidung brennt. „Die Flammen breiteten sich in Stößen aus, die bald das gesamte Deck umhüllt hatten“, beschreibt er das Grauen.

Überall auf dem Schiff rufen Mütter verzweifelt die Namen ihrer Kinder, und sie stürzen sich aus Angst vor den Flammen in den East River. Der festliche Anlass wird ihnen zum Verhängnis, denn die schicken Kleider und Unterröcke sind besonders schwer und ziehen sie auf den Boden des Flusses. Kaum einer der Passagiere an Bord kann schwimmen.

Zudem versagen die Sicherheitsvorkehrungen: Die Rettungsboote sind mit Draht befestigt und können nicht losgemacht werden. Die Rettungswesten sind mit zerbröselndem Kork gefüllt, der keinen Auftrieb gibt. Zudem sind sie verrottet.

Andere Schiffe auf dem East River eilen zur Hilfe und nehmen Passagiere auf. Sie sind die Rettung für den 13 Jahre alten John Ell. An den Ufern werden Hunderte Menschen Augenzeugen des tödlichen Wettrennens gegen das Feuer, das die „Slocum“ zusehends verliert. Als sie auf Grund läuft, sind die Flammen gänzlich außer Kontrolle. Auch während des kurzen Weges vom Wrack zum Ufer der Insel North Brother ertrinken noch viele Menschen. Aber von der Insel kommt medizinische Hilfe – dort steht eine Klinik für Infektionskrankheiten.

Der elfjährige Paul Ell, Sohn des Rencheners John, wird in dieser Situation zum Helden. „Als das Feuer ausbrach, sind alle losgestürzt, und wir wurden von Mama getrennt. Ich lief hinauf zur Vorderseite, um sie zu suchen, und sah Willie auf dem Deck knien und beten. Ich schrie, dass keine Zeit sei, um viel zu beten, und dann zog ich Willie zu einer Seite des Bootes und sprang mit ihm über Bord“, wird Paul in einem Artikel der New York Times vom 18. Oktober 1904 zitiert. Paul hilft seinem neun Jahre alten Bruder, zu einem Schlepper zu schwimmen. Beide erleiden schwere Verbrennungen.

Das verheerende Ausmaß der nur einige Minuten andauernden Fahrt zeigt sich erst, als die Gezeiten wechseln. Immer wieder werden Tote ans Ufer gespült, häufig in Paaren oder Trios. Mütter und Kinder, die sich aneinander klammern. Insgesamt sterben bei dem Unglück 1.021 Menschen. Unter ihnen auch Mathilde Ell. Auf ihrem Totenschein steht als Todesursache „asphyxia submersion“, Tod durch Ertrinken. Eine Zahl illustriert das unsägliche Leid des Unglücks besonders: 356 Tote sind jünger als 14 Jahre.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bekundet am 18. Juni sein Beileid per Überseetelegramm. Er schreibt, er sei auf „das tiefste erschuettert durch die Kunde von dem unbeschreiblich entsetzlichen unglueck[,] welches die deutsche lutherische gemeinde getroffen“ habe. Er beauftragt den deutschen Botschafter in den USA, Hermann Speck von Sternburg, der Dolmetscher seines „innigsten mitgefuehls zu sein.

Als Sündenbock für die Katastrophe wird Kapitän Van Schaick ausgemacht, der wegen Fahrlässigkeit zu zehn Jahren Haft verurteilt wird.

In den Tagen nach der Tragödie beherrschen Beerdigungen und Särge den Alltag in „Kleindeutschland“, wo auch die Ells wohnen. Zahlreiche Hinterbliebene tragen ihre Liebsten zu Grabe. Das Schiffsunglück am 15. Juni gilt als Todesstoß für „Little Germany“, wo 1904 noch rund 12.000 Deutschstämmige leben. Auch die Ells ziehen später nach Brooklyn.

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Paul und sein Bruder William werden im Oktober 1904 aus der Klinik entlassen – als letzte der „Slocum“-Patienten. Hand in Hand kommen sie in ihrer Mietskaserne in der Lower East Side an. Besonders hart ist die Heimkehr für den neunjährigen William, der lange nicht weiß, dass seine Mutter bei dem Schiffsunglück ertrunken ist.

Es macht uns nichts aus, wie schlimm unsere Gesichter aussehen, nicht wahr, Willie?

Laut der New York Times haben die Ärzte den beiden Brüdern neue Gesichter und Ohren angefertigt. William wurde ein Stück Haut von Pauls Rücken auf die linke Wange transplantiert. Paul trägt ein Stück Haut im Gesicht, das von Williams linkem Bein stammt. „Es macht uns nichts aus, wie schlimm unsere Gesichter aussehen, nicht wahr, Willie?“, gibt sich Paul in dem Artikel tapfer. „Nein“, antwortet sein Bruder, „aber ich wünschte, Mama wäre hier.“

Bis heute ist das Feuer auf der „General Slocum“ eines der verheerendsten Schiffsunglücke weltweit – und trotzdem eines der unbekanntesten. Selbst John Ells Verwandte in Renchen wissen lange nichts von dem Ausmaß der Katastrophe. „Es war bekannt, dass er seine Frau bei einem Unglück verloren hat, aber nicht, dass das Unglück so schlimm war“, erzählt Ingrid Reinspach in ihrem Haus in Renchen.

Die 80-Jährige ist die Enkelin von Ignaz Ell, einem Bruder des ausgewanderten John und kennt auch dessen gleichnamigen Sohn von einem Besuch 1963. Allerdings sei damals die Verständigung schwierig gewesen, schließlich habe John Ell junior nur Englisch gesprochen. Reinspach vermutet, dass der deutsche Teil der Familie auch deswegen lange nichts von dem Ausmaß der Tragödie gewusst habe.

Glücklich ist das Leben nach der „Slocum“-Katastrophe für die Ells in den USA nicht. Zwar heiratet der ältere John Ell im Januar 1906 erneut. Seine zweite Frau, Kunigunda Zimmermann, hat ihren Mann William auf der „Slocum“ verloren, der Mitglied der George-Maurer-Band gewesen ist.

Auch bei dieser Heirat zeigen sich die engen Verbindungen unter den deutschen Auswanderern in den USA: Kunigundas Mutter wurde als Creszentia Leppert im Mai 1837 in Moos, heute ein Stadtteil von Bühl, geboren. Luftlinie nur rund 14 Kilometer entfernt von der Heimat ihres späteren Schwiegersohns.

Zehn Monate nach der Hochzeit, am 22. November 1906, wird jedoch Paul, der seinem kleinen Bruder das Leben gerettet hat, von einem Waggon überrollt und getötet. In einem Artikel heißt es, sein Vater und seine Stiefmutter seien völlig erschüttert angesichts dieses neuen Verhängnisses. Besonders weil der Junge ein hübscher junger Mann gewesen sei, „der wegen seines außergewöhnlichen Herzens und seines Charakters schon jetzt weithin geliebt“ worden sei. Er wird nur 14 Jahre alt.

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Der gebürtige Renchener John Ell kehrt 1908 noch einmal in die alte Heimat zurück. Am 6. Februar 1924 stirbt er laut Todesanzeige „nach kurzem Leiden“, im Alter von 57 Jahren. Sein jüngster Sohn William überlebt ihn nur rund anderthalb Monate und stirbt Ende März 1924 mit 28 Jahren. Lediglich der älteste Bruder, John, führt ein langes Leben. Er stirbt erst 1971.

Auch heute noch leben die Nachfahren der Ells in den USA. Etwa der 63-jährige John Ell, der denselben Namen wie sein Großvater und sein Urgroßvater trägt. Er wohnt in Trumbull im US-Bundesstaat Connecticut.

„Es ist ziemlich erstaunlich, dass drei von vier Familienmitgliedern dieses Inferno überlebt haben. Der Untergang der ,Slocum‘ war eine Tragödie, aber es scheint, als hätte die Seite meines Großvaters viele Tragödien in ihrer Familie gehabt“, erzählt er während eines Skype-Interviews.

Wie wir für diesen Artikel recherchiert haben:
Autor Julius Sandmann interessiert sich schon lange für das Schicksal deutscher Auswanderer und die Geschichte rund um den Untergang der „General Slocum“. Ein E-Mail-Austausch mit der Stadtverwaltung von New York City brachte ihn auf die Spur von John Ell und seiner Familiengeschichte. Die Recherche umfasste unter anderem:
– Skype-Interview und E-Mail-Austausch mit dem Urenkel des Auswanderers John Ell
– E-Mail-Austausch mit einem Verwandten von Kunigunda Zimmermann in Kanada
– Besuch der Stadtverwaltung Renchen
– Besuch der Stadtgeschichtlichen Ausstellung in Renchen
– Besuch bei Ingrid Reinspach, der Enkelin von John Ells Bruder, in Renchen
– Besuch des Stadtgeschichtlichen Instituts Bühl
– Lektüre des Buches „Loderndes Schiff. Die Tragödie des Dampfers General Slocum“ des Historikers Edward T. O’Donnell
– Lektüre des Buches „Der Untergang der General Slocum“, herausgegeben von Charles River Editors
– Kontakt mit dem Archiv des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg
– Kontakt mit dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes

 

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