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Es ist ja oft unfreiwillig komisch, wenn sich Erwachsene in Jugendliche und ihre Sprache, ihre Trends oder ihre Mode hineinzuversetzen versuchen. Noch schräger wird es allerdings, wenn sie sich Jugendbewegungen auf die pseudo-wissenschaftliche Art nähern und tiefgründige politische Überzeugungen da suchen, wo bockige 18-Jährige einfach nur laute Musik hören wollen. Dieser Herangehensweise bediente sich die Stasi, die in der DDR alles und jeden im Blick haben wollte, als sie in den 1980er Jahren versuchte, verschiedene “negativ-dekadente” Jugendkulturen zu verstehen.

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Der britische Musikjournalist S. Alexander Reed war zu Besuch in Leipzig und besuchte dort die Stasi-Ausstellung im Museum “Runde Ecke”. Dort fiel ihm dieses eigenwillige Ausstellungsstück auf, das er direkt fotografieren musste. Seit Reed das Foto bei Twitter postete, geht die absurde Tabelle der Stasi viral.

East German secret police guide for identifying youth subcultures. Circa 1985. #yesreally Media S. Alexander Reed (@industrial_book) November 24, 2018

Eine bessere Auflösung des Bildes findet ihr hier bei Imgur.

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Aufgelistet sind darin “Ted’s”, “Tramper” (oder “Penner” beziehungsweise “Blueser”), “Skin’s”, “Heavy’s”, “Gruftie’s”, “Punk’s”, “New Romantik’s” oder “Popper”. Und ja, die Deppenapostrophen haben wir aus dem Original übernommen, auch wenn sie in den Augen wehtun. Zu jeder Kategorie haben die Mitarbeiter des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit eine putzige Zeichnung hinzugefügt: Ein lässiger Lederjackenträger symbolisiert die Heavy-Metal-Fans. Ein bärtiger Hippie die “Tramper”-Fraktion.

Und für den Fall, dass euch interessiert, wie man die verschiedenen “Erscheinungsformen” der jeweiligen Jugendbewegung erkennt, zitieren wir aus diesem merkwürdigen Zeitdokument. “Ted’s” (habt ihr diesen Ausdruck je zuvor gehört?) sind offenbar einfach Rockabilly-Fans, die den 50er-Jahre-Style feiern. Laut Stasi tragen sie “Röhrenjeans und spitze Schuhe” und zeigen “Aktivitäten meist zu Geb. und Todestagen von verehrten Rockidolen”. Welche Art von Aktivitäten die DDR-Funktionäre da befürchteten, ist nicht klar. Schließlich unterstellte man den Teds “politisches Desinteresse”.

Die “Tramper” sieht die Stasi als Überbleibsel der Hippie-Bewegung. “Klassische Erscheinung der neg.-dek. Jugend der 70er Jahre”, steht da. Neben Parkas und Jeans trügen die bärtigen Zottel auch häufig “Jesuslatschen”. Der Trend scheint in den Augen der Staatspolizei aber ziemlich passé zu sein: “Kaum Zunahme”, notiert sie zufrieden. Auf das Gewicht der Tramper bezieht sich das vermutlich nicht, zumindest erfahren wir nichts über deren Ernährungsgewohnheiten.

Besorgter betrachten die DDR-Überwacher dagegen die “Skin’s” (“engl. Kopfhaut”, so zumindest die Stasi. Wisst ihr Bescheid.) Dass es bei Skins eine harte Trennung zwischen unpolitischen bis linken Jugendlichen auf einer Seite und Neonazis auf der anderen gibt, war immerhin schon den DDR-Spitzeln bewusst: “z.T. neofaschistische Tendenzen”, schreiben sie. Außerdem neigten sie zu “Rowdytum, Körperverletzung, Widerstand gegen staatl. Maßnahmen”. Erkennungszeichen der Skins – also außer ihrer Kopfhaut? “Arbeitsschuhe mit Nägeln und Eisen beschlagen”.

Härter als Eisenbeschläge sind dann wohl nur sie: die “Heavy’s”. Zumindest erklärt die Stasi diesen Begriff mit der musikalischen Präferenz dieser Jugendbewegung: “Anhänger der sog. Heavy-Metal-Musik (extrem harter Rock)”. Tja, da können die Teds wohl einpacken. Wobei, wie wir gleich lernen werden, die Heavys mit den Teds gar keinen Beef haben, dafür mit jemand anderem. Womit die Heavys der DDR missfallen? Durch ihre “Ähnlichkeit mit westlichen Rockern: Schwarze Lederbekleidung … mit Nieten besetzte Jacken”. Immerhin stimmt eine zweifelhafte Entwicklung die Stasi etwas milder: “Ursprünglich ablehnende Haltung zu Staat und Gesell.”, heißt es, aber “zunehmend Integrierung in Org.-formen der FDJ”.

Auf ihre ganz eigene Art rebellierten dafür die “Gruftie’s”. “Totales politisches und gesellschaftliches Desinteresse”, notiert die Stasi perplex. Neben der Zelebrierung ihres “Satans- und Todeskults” erkenne man die Grufties ohne jeden Zweifel daran, dass sie “Anhänger von Gruppe The Cure” seien. Ja, das steht da wirklich so. Wenn du Robert Smith nicht magst, kannst du kein Gruftie sein – Bämm! Einzig unangenehme Angewohnheit der Grufties, neben dem Weiß-Pudern ihrer Gesichter, ist anscheinend das “Sammeln von Grabutensilien”. Oh, und natürlich der Zwist zu – wir haben es schon angedeutet – den Heavys. “Aus Heavy-Metal-Szene hervorgegangen, in Feinschaft zu diesen”, schreibt die Geheimpolizei.

So richtig doof findet die Stasi offenbar Punks. “Engl. Dreck/Abfall” erklärt sie das Wort (stimmt nicht, “Feuerholz” ist die erste nachgewiesene Bedeutung des Worts), zudem stößt ihr die “äußerlich dok. Dekadenz” der bunthaarigen Genossen sauer auf. “Gesell.-widr. bis -gefährl.” seien Punks. Sie fänden Anarchie nicht uninteressant und hätten die absurde Idee von “Totaler Freiheit”. Da explodiert das Stasi-Gehirn natürlich. Die Jugendlichen trügen “mehrfarbiges, wirres Haar”, frönten einer “asozialen Lebensweise” und seien (das kommt jetzt etwas überraschend) häufig in “kirchl. off. Jgd.arbeit” tätig, wo sie “Anleitung durch Diakone” bekämen. Anleitung heißt hier vermutlich “Infiltration aus dem Westen” oder so. Punks, wir feiern euch!

Diese Kiddies (“Alter: 15-18 Jahre”) sind die Emos der 80er. “Haare meist schwarz gefärbt … ins Gesicht bis ganze Augen verdeckt”. Diese Szene “entwickelte sich aus dem Punk, ist dessen gesellschaftsgemäßere Form”, erklärt uns die Geheimpolizei. Ganz so gesellschaftsgesmäß dann aber doch nicht: “Vertreten gleiche neg. bis fdl. Pos. wie Punks” mäkeln die Spitzel. Und auch die New Romantiks hängen aus unklaren Gründen scheinbar viel in der Kirche ab. Immerhin flaut die Liebe zur Romantik offenbar ab: “Rückläufige Tendenz”, vermerkt die Stasi.

Der Popper war offenbar ein echtes Multitalent: “Auftreten als Break-Dancer”, schreibt die Staatssicherheit über die Jugendlichen mit dem feschen Seitenscheitel und “extrem modernen Kleidungsstücken”. “Bemerkenswert einseitiges Interesse an Disco und Tanz”. Wenn sie nicht Tanzen, sind die Popper “meist in Auseinandersetzungen mit Heavy’s verwickelt”. (Was ist los mit euch, Heavys?) Als große Gefahr betrachtet man die Popper scheinbar nicht: “Totales politisches Desinteresse” attestiert ihnen die DDR. “Bisher noch kein op. Anfall”. Was auch immer das bedeutet.

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